Blasentraining bei Katheter: Leitfaden für Pflegekräfte

Blasentraining vor dem Entfernen eines transurethralen Dauerkatheters wird nach KRINKO und RKI in Deutschland nicht empfohlen. Sinnvoll kann ein gezieltes Training trotzdem sein, etwa beim Übergang zum intermittierenden Selbstkatheterismus, bei dokumentierter Blasenfunktionsstörung oder nach ausgewählten Eingriffen.

Auf vielen Stationen hält sich das routinemäßige Abklemmen hartnäckig. Nach einer belastenden Schicht ist die Frage deshalb berechtigt: Muss der Katheter wirklich in festen Abständen geklemmt werden, bevor er gezogen wird? Die kurze Antwort lautet: Nicht als Standard. Entscheidend sind Indikation, Blasenfunktion, Restharn und ein klar dokumentiertes Therapieziel. Genau diese Unterscheidung gehört zu einer evidenzbasierten Pflege, die überlieferte Abläufe nicht automatisch fortführt.

Inhaltsverzeichnis

Warum Blasentraining bei Katheter nicht Routine ist

Das routinemäßige Abklemmen eines transurethralen Dauerkatheters vor der Entfernung ist nach der KRINKO-Empfehlung des Robert Koch-Instituts in Deutschland grundsätzlich unnötig. Die Empfehlung beschreibt, dass das Abklemmen vor dem Entfernen möglicherweise die Häufigkeit katheterassoziierter Infektionen erhöht. In der RKI-Fassung wird diese Vorgabe als Kategorie I B beziehungsweise Kategorie II wiedergegeben. Die KRINKO-Empfehlung zur Prävention katheterassoziierter Harnwegsinfektionen bildet damit eine wichtige Grundlage für die deutsche Hygiene- und Urologiepraxis.

Infografik zum Thema Blasentraining bei Katheter und warum routinemäßiges Abklemmen laut RKI nicht empfohlen wird.

Warum die alte Stationsregel so stabil bleibt

Die Praxis stammt häufig aus Erfahrungswissen, älteren Lehrbuchdarstellungen und der Sorge, die Blase könne nach längerer Ableitung ihre Funktion verlieren. Das klingt zunächst plausibel. Wenn Urin ständig über den Katheter abläuft, entsteht leicht der Eindruck, die Blase müsse wieder an Füllung und Entleerung gewöhnt werden.

Der entscheidende Punkt ist aber: Beim transurethralen Dauerkatheter wird die Blase nicht durch planmäßiges Klemmen sinnvoll trainiert. Das intermittierende Abklemmen zur Steigerung der Blasenkapazität gilt laut S1-Leitlinie zur Harndrainage als medizinisch obsolet beziehungsweise nicht indiziert, weil es infektiöse Komplikationen fördern kann.

Praxisregel: Ein Dauerkatheter wird nicht nach Uhrzeit geklemmt, sondern nach Indikation entfernt oder weitergeführt.

Blase und Schließmuskel brauchen nach der Entfernung keine künstlich erzeugte Stauphase. Sie benötigen eine nachvollziehbare Beurteilung der Entleerungsfähigkeit, ein möglichst infektfreies Umfeld und eine Kontrolle, ob Spontanmiktion und Restharn akzeptabel sind. Blasentraining bei Katheter ist deshalb kein Selbstzweck. Es ist nur dann sinnvoll, wenn ein konkretes Ziel feststeht, beispielsweise der Übergang zu einem intermittierenden Katheterismus bei einer neurogenen oder funktionellen Blasenentleerungsstörung.

Anatomie und Katheterarten im Überblick

Für die tägliche Entscheidung reicht ein solides technisches Grundverständnis. Die Nieren bilden Urin, der über die Harnleiter in die Blase gelangt. Der Detrusor, also der Blasenmuskel, speichert den Urin und zieht sich bei der Miktion zusammen. Gleichzeitig müssen Beckenboden und äußerer Schließmuskel entspannen, damit der Urin über die Harnröhre abfließen kann.

Ein transurethraler Dauerkatheter liegt durch die Harnröhre in der Blase. Ein mit Flüssigkeit gefüllter Ballon hält ihn dort fest und verhindert das Herausfallen, wie auch eine Patienteninformation zum Blasenkatheter beschreibt. Der kontinuierliche Ablauf kann die natürliche Füllungswahrnehmung verändern. Das macht aber kein routinemäßiges Klemmen erforderlich.

Der suprapubische Katheter wird durch die Bauchdecke direkt in die Blase geführt. Er schont die Harnröhre, bleibt aber ebenfalls ein Fremdkörper mit möglichen infektiösen und mechanischen Komplikationen. Ein intermittierender Einmalkatheter wird nur zur Entleerung eingeführt und danach wieder entfernt. Genau diese Form ist beim Übergang zum intermittierenden Selbstkatheterismus relevant.

Katheterart Zugang Typische Liegedauer Trainingskonsequenz
Transurethraler Dauerkatheter Über die Harnröhre Kurzzeitig, nur so lange wie indiziert Kein routinemäßiges Abklemmen vor dem Ziehen
Suprapubischer Katheter Durch die Bauchdecke in die Blase Je nach Indikation längerfristig möglich Individuelle Prüfung von Blasenfunktion und Entwöhnungsziel
Intermittierender Einmalkatheter Kurzzeitig über die Harnröhre Wird nach der Entleerung entfernt Gezieltes Training von Rhythmus, Technik und Restharnkontrolle

Fachkräfte sollten die Katheterarten nicht gleich behandeln. Die passende Anleitung zum Legen eines Blasenkatheters hilft, Zugang und Risiken im Stationsalltag sauber zuzuordnen.

Wann Blasentraining bei Katheter überhaupt sinnvoll ist

Blasentraining vor jeder Dauerkatheterentfernung ist kein Standard. Es ist nur angezeigt, wenn die Blasenfunktion selbst behandelt oder gezielt wieder aufgebaut werden soll, etwa bei einer dokumentierten neurogenen oder funktionellen Entleerungsstörung. Ein weiteres Ziel kann der Übergang zum intermittierenden Selbstkatheterismus sein. Dann geht es um Wahrnehmung, Toilettenrhythmus, Spontanmiktion, Restharnkontrolle und einen sicheren ISK-Ablauf, nicht um routinemäßiges Abklemmen.

Bei neurogenen Blasenstörungen nennt die AWMF-Leitlinie zu neurogenen Blasenstörungen konservative Maßnahmen wie Blasentraining, sofern sie praktisch möglich sind. Sie empfiehlt zugleich, den sauberen intermittierenden Katheterismus frühzeitig zu prüfen. Die Katheterisierungsfrequenz richtet sich nach der urodynamischen Blasenkapazität. Der Blaseninnendruck soll 40 cm H2O nicht überschreiten, damit das Risiko eines vesikorenalen Refluxes begrenzt wird.

Indikation und Ausschluss klar trennen

Nach ausgewählten Eingriffen im kleinen Becken, bei pädiatrischen Patient:innen oder bei geriatrischen Menschen mit Restharnproblemen kann ein individuell geplantes Training sinnvoll sein. Maßgeblich sind Befund, ärztliche Zielsetzung und eine verlässliche Verlaufskontrolle.

Bei akutem Harnwegsinfekt, in der frischen postoperativen Phase, bei relevanter Obstruktion oder schwerer Inkontinenz mit Hautschäden wird nicht trainiert. Das gilt auch ohne ärztliche Anordnung oder bei unklarem Restharnbefund. Eine unklare Situation rechtfertigt keine zusätzlichen Klemmphasen.

Eine Übersichtsgrafik, die zeigt, wann ein Blasentraining sinnvoll ist und wann darauf verzichtet werden sollte.

Handlungsregel für die Schicht: Fehlen Ziel, Anordnung oder Kontrollmöglichkeit, bleibt der Katheter offen. Rücksprache und ein alternatives Pflegeziel werden dokumentiert. Für die kontinenzbezogene Planung bietet der Expertenstandard zur Harnkontinenz eine weitere Orientierung.

Trainingsprogramm nach Dauerkatheter Schritt für Schritt

Der Übergang zum intermittierenden Selbstkatheterismus braucht ein klares Ziel, nicht automatisch eine Klemmphase vor der Katheterentfernung. Passe jeden Schritt an Diagnose, Mobilität, Kognition, Anatomie und die ärztlich festgelegten Zielwerte an.

Schritt eins mit Anordnung und Zielwert

Vor der Entfernung müssen Indikation, zulässiger Restharn und geplante ISK-Frequenz feststehen. Deutsche Fortbildungsunterlagen nennen für den intermittierenden Katheterismus häufig 4 bis 6 Katheterisierungen in 24 Stunden. Entscheidend bleibt die individuelle Blasenkapazität und Drucksituation. Routinemäßiges Abklemmen, um eine künstliche Füllung zu erzwingen, gehört nicht in diesen Ablauf.

Nach der Entfernung wartest du die erste Spontanmiktion ab. Zeitpunkt, Trinkmenge und Miktionsvolumen werden unmittelbar dokumentiert.

Schritt zwei mit Protokoll und festen Zeitfenstern

Ein Trink- und Miktionsprotokoll zeigt, ob die Person Harndrang, Toilettengang und Blasenentleerung wieder zuverlässig einordnen kann. Erfasst werden Trinkmenge, Uhrzeit, Harndrang, Miktionsvolumen, Inkontinenzereignisse und Beschwerden. Feste Zeitfenster geben Orientierung, ersetzen aber keine klinische Kontrolle.

Nach jeder relevanten Spontanmiktion wird der Restharn sonographisch bestimmt. In vielen Praxisabläufen gilt ein Restharn unter 100 ml oder unter 20 % der Blasenkapazität als Zielbereich. Diese Werte müssen zur Anordnung und zur individuellen urodynamischen Situation passen.

Grafische Darstellung eines vierstufigen Trainingsprogramms zum Übergang vom Dauerkatheter zum intermittierenden Selbstkatheterisieren mit medizinischen Schritten.

Schritt drei mit schrittweiser Anpassung

Bleibt der Restharn im vereinbarten Zielbereich, kann die ISK-Frequenz schrittweise sinken. Bei steigendem Restharn, Überlauf, Schmerzen oder ausbleibender Miktion wird die Anpassung beendet und ärztlich Rücksprache gehalten.

Die Schulung umfasst Händehygiene, Intimsphäre, Körperposition, Kathetergröße und Technik. Häufig werden 12 bis 14 Ch verwendet, die Auswahl erfolgt jedoch individuell. Gleitgel schützt die Schleimhaut. Modellübungen, Schulungsmaterial und eine assistierte erste Durchführung geben Sicherheit.

Nächtliche Pausen sind nur vertretbar, wenn keine Überdehnung droht. Bei Überlauf oder Harnverhalt informierst du sofort die zuständige Ärztin oder den zuständigen Arzt.

Ein kurzes Video kann die einzelnen Handgriffe ergänzen:

Das Training gehört in die Pflegeplanung. Dazu zählt die Auswahl passender Prophylaxen in der Pflege, wenn Mobilität, Sturzrisiko oder Hautschutz durch die veränderte Toilettensituation betroffen sind.

Komplikationen erkennen und Verlauf dokumentieren

Auf der Station zeigt sich der Erfolg nicht an einem einzelnen Toilettengang. Entscheidend ist der Verlauf. Eine Patientin meldet sich beispielsweise nach der Katheterentfernung mit Druckgefühl im Unterbauch, obwohl sie nur wenig Urin ausgeschieden hat. Die Pflegefachkraft dokumentiert den Zeitpunkt, misst den Restharn sonographisch und vergleicht den Wert mit dem vereinbarten Ziel.

Warnzeichen sind akuter Harnverhalt, zunehmender Restharn, Dysurie, trüber Urin, Fieber, Schmerzen und Überlaufinkontinenz. Auch ein scheinbar erfolgreiches Wasserlassen schließt einen relevanten Restharn nicht aus. Deshalb gehört die Ultraschallkontrolle nach der Spontanmiktion in den angeordneten Ablauf.

Was in die Dokumentation gehört

Zeitgenau dokumentierst du:

  • Trinkmenge: Welche Menge wurde aufgenommen und über welchen Zeitraum?
  • Miktionszeitpunkt: Wann hat die Person spontan Wasser gelassen?
  • Miktionsvolumen: Wie viel Urin wurde ausgeschieden?
  • Restharn: Welcher sonographische Wert wurde in ml gemessen?
  • Beschwerden: Gab es Druck, Schmerzen, Brennen, Harndrang oder Überlauf?
  • Allgemeinzustand: Wie wirkten Kreislauf, Orientierung und Belastbarkeit?

Die deutsche Leitlinien- und Praxislage beschreibt einen Restharn von über 400 ml häufig als manifesten Harnverhalt. Dieser Wert ist kein Ersatz für die ärztliche Beurteilung, aber ein deutliches Warnsignal. Bei starkem Anstieg oder fehlender Miktion darf die Pflege nicht einfach bis zur nächsten Routinekontrolle warten.

Restharnwert Wahrscheinliches Symptom Konsequenz
Unter dem ärztlich vereinbarten Zielwert Spontanmiktion ohne relevante Beschwerden Angeordneten Verlauf weiterführen
Über dem Zielwert, wiederholt Druckgefühl, schwacher Harnstrahl oder Restharngefühl Ärztliche Rücksprache und ISK-Plan prüfen
Über 150 ml nach zwei Messungen Zunehmende Entleerungsstörung möglich Zuständige Ärztin oder zuständigen Arzt informieren
Über 300 ml Harnverhalt oder deutliche Überdehnung möglich Sofortige ärztliche Eskalation
Über 400 ml Möglicher manifester Harnverhalt Unverzügliche ärztliche Entscheidung zur Entlastung

Diese Schwellen sind als praktische Eskalationshilfe zu verstehen und müssen mit der individuellen Anordnung abgeglichen werden. Je nach Befund wird die ISK-Frequenz erhöht, der transurethrale Katheter vorübergehend wieder angelegt oder die konservative Beobachtung fortgesetzt. Eine nachvollziehbare Dokumentation der Pflege schützt dabei Patient:innen und Team.

Bei der Entlassung muss die Überleitung vollständig sein. Schulungsstand, vorhandenes Material, benötigte Katheter, Ansprechpartner und Folgekontakt dürfen nicht nur mündlich weitergegeben werden.

Sicherheitshinweise und Ausschlusskriterien für die Praxis

Für die Schichtübergabe braucht es eine kurze, belastbare Handlungskarte. Ein postoperativer Blasenkatheter mit einer Liegedauer von unter 24 Stunden, urologische Eingriffe an Harnröhre oder Blase, ein akuter Harnwegsinfekt, eine unklare Ursache der Harnretention oder eine unklare Restharnsonographie sprechen gegen ein eigenständiges Blasentraining. Fehlt die ärztliche Anordnung, wird ebenfalls nicht geklemmt.

Eine Infografik mit Sicherheitshinweisen und Ausschlusskriterien für das Blasentraining bei Patienten mit einem Blasenkatheter.

Ausschluss und Vorsicht

Besondere Vorsicht gilt bei neurogener Blasenentleerungsstörung, hochbetagten Patient:innen und kognitiven Einschränkungen ohne tragfähiges soziales Umfeld. Auch eine Antikoagulation verlangt eine individuelle Beurteilung, insbesondere wenn der intermittierende Katheterismus schwierig oder traumatisch ist.

Bei ISK gehören Händehygiene vor und nach der Durchführung, geeignete Einmalkatheter und ausreichendes Gleitgel zum Standard. Ein Katheter wird nie gegen Widerstand vorgeschoben. Bei Schmerzen, Blutbeimengung oder wiederholtem Scheitern brichst du ab und informierst die zuständige Ärztin oder den zuständigen Arzt.

Warnzeichen sofort weitergeben

Eine Trinkmenge von 1,5 bis 2 l pro Tag kann als praktisches Ziel angestrebt werden, sofern keine kardiale, renale oder andere medizinische Einschränkung dagegenspricht. Die Flüssigkeit sollte über den Tag verteilt werden. Nächtliche Überdehnung muss verhindert werden, wenn der angeordnete Rhythmus sonst nicht eingehalten wird.

Bei Hämaturie, Fieber über 38 °C, Schüttelfrost oder Anurie erfolgt sofortige ärztliche Eskalation. Dokumentiert werden außerdem Schulungsstand, Materialbestand, Hilfebedarf und die konkrete Ansprechperson.

Für die Übergabe: Kein Training ohne Ziel, keine Klemmphase ohne Anordnung, keine Entlassung ohne Material und Folgekontakt.

Diese Regel verhindert zwei typische Fehler: das routinemäßige Fortführen einer nicht indizierten Maßnahme und das zu späte Reagieren auf eine Entleerungsstörung.

Häufige Fragen zum Blasentraining bei Katheter

Welcher Restharn ist für die weitere Planung entscheidend?

Für die Planung des intermittierenden Katheterismus wird häufig ein Restharn unter 100 ml angestrebt. Alternativ kann ein Wert unter 20 % der Blasenkapazität herangezogen werden. Kontrolliert wird meist per Ultraschall nach der Spontanmiktion. Entscheidend bleibt der dokumentierte Verlauf, nicht ein einzelner Messwert. Frequenz und Vorgehen müssen zu Blasenkapazität und Drucksituation passen, wie in der bereits zitierten AWMF-Leitlinie beschrieben.

Wie lange soll der Dauerkatheter vor dem Ziehen abgeklemmt werden?

Vor der Entfernung eines Dauerkatheters ist routinemäßiges Abklemmen nicht vorgesehen. Das intermittierende Klemmen zur Kapazitätssteigerung gilt als nicht indiziert. Eine Abklemmphase kommt nur bei einer konkreten, ärztlich festgelegten Fragestellung zur Blasenkapazität infrage. Sie ersetzt weder die Restharnkontrolle noch die Beurteilung der Spontanmiktion. Gerade deshalb sollte das Abklemmen nicht automatisch vor jeder Katheterentfernung erfolgen.

Wer ordnet das Training an?

Die Ärztin oder der Arzt stellt die Indikation und legt Zielwerte, Kontrollintervalle sowie den ISK-Plan fest. Pflegefachkräfte setzen die angeordneten Maßnahmen im Rahmen ihrer Fachkompetenz um, beobachten Miktion und Beschwerden, messen den Restharn, schulen die Technik und dokumentieren den Verlauf. Bei auffälligen Werten oder Symptomen entscheidet die ärztliche Seite über Anpassung, erneute Ableitung oder weitere Diagnostik.

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